born2run - Paarlauf - 100 km Biel (die ersten 56 km )

  • born2run - Paarlauf - 100 km Biel (die ersten 56 km )

Irgendwie war es eine verrückte Idee. Jörg ist 2016 zu ersten Mal in Biel gelaufen und hat nur so von dem 100er geschwärmt: Wahnsinns Stimmung, gut organisiert, einfach traumhaft. Gefinished und sofort wieder angemeldet. Ulrich sagte nur, „Das machen wir auch, wir laufen den Paarlauf, du die 56 und ich dann den Rest. Du holst Jörg ein, dann kann ich mit ihm ins Ziel einlaufen.“ Blöde Idee, wie soll ich 60 Minuten auf 56 km gutmachen, d.h. ich muss jeden km mindestens ein Minute schneller als Jörg laufen und das bei meinem ersten Ultra! Also mein Ziel 5:30 Stunden.

 

 

Wir reisen bereits am Donnerstag an, das ist gut und ich kann mit einer kleinen Einschlafhilfe super schlafen, von Aufregung keine Spur. Ich habe keinen Druck, ist ja das erste Mal.

 

Am Freitag Morgen wird ausführlich gefrühstückt. Wir, d.h. Detlef, Jörg und ich haben das gleiche Hotel und sitzen noch entspannt im Restaurant, sprechen über das kommende Ereignis. Detlef begleitet seinen Bruder auf dem Rad, beide wollen mich einstimmen und berichten vom  dreimaligen Gewitter 2016. Der Nässe und der Kälte. Dieses Jahr ist Vollmond und das Wetter stabil, das wird schon…

 

Auf ein Wort: Viel Glück wünschen wir Ralf Klug, der sich zu uns setzt. Er möchte einen Weltrekord aufstellen und die gesamte Strecke rückwärts laufen. Er sammelt an seinem Lauf Spenden für cerebral gelähmte Kinder in der Schweiz.

 

( Eine ähnliche Stiftung in Deutschland: Die ARQUE  ( https://www.arquelauf.de ) )

 

Gegen 21 Uhr treffen wir uns vor dem Kongresshaus im Start- und Zielbereich. Der Platz füllt sich mit Läufern und Zuschauern, mit vielen kommen wir ins Gespräch. Die Stimmung ist aufgeregt locker. In diesem Jahr wird wohl zum ersten Mal der 56 km Ultra ausgetragen, die letzten Jahre gab es wohl nur einen „normalen“ Marathon.

 

Der Ablauf im Startbereich:

21:30 Uhr Start der Radbegleiter 

                 (Treffpunkt  mit den 100 km Läufern später

                 in Lyss bei km23)

22:00 Uhr Start der 100er und 56km Ultraläufer

22:30 Uhr Start der HM Läufer

23:00 Uhr Start der Paarläufer und Stafetten

                 (total ca. 150 Starter)

 

 

Bei vorzeitiger Beendigung des Rennens in Oberramsern (38 km) Kirchberg (56,1 km) oder Bibern (76,7 km) steht ein Rücktransport nach Biel zur Verfügung. Halbmarathon Ziel ist in Aarberg, bei km 17.

 

Uns erwartet eine warme Nacht, die meisten tragen kurz/kurz, viele, so wie ich, haben einen (Lauf-) Rucksack umgeschnallt oder eine Jacke um die Hüfte gebunden. In der dritten Welle geht es endlich auch für mich mit einer Runde durch Biel los. Die ersten Kilometer sind einzeln markiert, danach jeder fünfte, somit kann ich mein Tempo sehr schön kontrollieren. 6er Schnitt wäre genial, also nicht überpacen.

 

Bei km 7,5 (in Port) die erste Steigung, obwohl die Zahl der Zuschauer überschaubar ist, ist die Stimmung an der Strecke gut. Ich fühle mich stark, die HM Läufer  hatten eine zusätzlich Runde in Biel zu laufen, haben ca. 4 km mehr auf der Uhr und viele haben bereits angefangen zu „wandern“.

 

Bei km 10 verlassen wir Jens (Dorf) und es wird Zeit meine Stirnlampe zu adjustieren. Die Strecke geht zum ersten Mal durch Wald und Feld bis wir über Kappelen,  Aarberg erreichen. Den Zielort für die HM Läufer. Auf dem Marktplatz ist Volksfeststimmung. Hier wechseln zum ersten Mal die Stafetten. Kurz vorher ein echter Hingucker, die uralte 60 m lange Holzbrücke über die alte Aare. Stimmung gut- alles gut. So könnte es weitergehen, aber weit gefehlt. Hinter Aarberg ist tote Hose.

 

Zwische Aarberg und Lyss-Süd die 20 km Markierung. Ich bin im Plan, genau 2 Stunden, 1 Uhr Morgens und von Müdigkeit keine Spur, weiter so.

 

Hinter Lyss, bei km 23 überhole ich den letzten 100er, der sich gerade mit seiner Radbegleitung vereint. Der Arme ist bereits 3:18 h unterwegs und hat noch 77 km vor sich. Wahnsinn! Das Ziel ist 21 Stunden offen und zwischen 20 und 25 % der Starter beenden den Lauf vorzeitig, so die Statistik.

 

Der Untergrund wechselt jetzt häufiger, von Asphalt und Beton zu befestigtem Naturweg, trotz sehr gut eingestellter Stirnlampe kann ich nicht rechtzeitig jedem Schlagloch ausweichen. Ich laufe hier sehr vorsichtig und etwas langsamer. Falls du hier in einer Gruppe unterwegs bist, dann wirbelt der Vordermann Staub auf und der glitzert sehr schön im Schein der Lampe. Ein echtes highlight! Ansonsten freue ich mich auf den nächsten Verpflegungsstand.

 

Bei km 30 (noch gut im Plan 3:05 h), hinter Scheunenberg geht es auf ein ca. 7 km langes Teilstück, links Wald und rechts Felder. Mir wird kalt. Die Kälte kriecht zwischen den Bäumen hervor oder aus den Feldern, egal, ich kann meinen Atem als weiße Wolke im  Lichtkegel sehen. Eine dünne Jacke habe ich im Rucksack, die ziehe ich jetzt über und werde sie vor Kirchberg nicht mehr ausziehen.

 

Auf dieser „geraden Linie“ kann man wohl eine Stunde früher, den Lindwurm der Läufer mit roten und weißen Lichtern aufgereiht, wie auf einer Perlenkette verfolgen. Jetzt ist absolut nichts los. Viele Läufer gehen und werden von mir überholt. Ein junger Kerl erklärt seiner Radbekleidung, sein größtes Problem sei sein Gewicht! Ist schon klar. Jedes Kilo zu viel drückt und multipliziert sich auf die gesamte Strecke, ist nicht hilfreich. Der sollte vielleicht eher die Position wechseln, geht mir durch den Kopf, radeln ist besser für die Gelenke.

 

 

Bei km 36 muss ich auch kurz nachdenken, was mache ich hier überhaupt und diskutiere mit einem 100er. „Ganz schön dunkel und einsam“ sage ich. Der Begleiter antwortet für ihn: „ja, scheixx einsam und nächstes Jahr wieder!“ „Nein, nicht mit mir!“ Und schon bin ich vorbei.

 

Immer noch auf diesem verflucht geraden Stück Richtung Oberramsern, bei km 38, jetzt Endspurt, nur noch 4 km bis zum Ziel. Nein, ich bin falsch. Noch 18 km!! Jetzt geht’s erst richtig los- Kopfsache.

 

Auf der Grafik sehen die letzten 10 km (56 km auf 17 cm gepresst) nur nach bergab aus, lasst euch nicht täuschen. Für einen Flachlandtiroler, wie mich, immer noch hügelig genug. Ich sehne mich nach der Wechselstation und nach ein paar Zuschauern an der Wegesstrecke. Ein bisschen Unterstützung könnte ich jetzt gut gebrauchen. Wenn ich an km 30 zurück denke und die „Wanderer“ auf der Strecke bedauerte, wer bedauert mich? Jetzt wechsele ich auch mit Laufen und Gehen ab und habe nur noch einen Gedanken. Ankommen!

 

 

Die letzten Meter, noch über die Emme, km 55, am Sportplatz vorbei, noch ein paar Schritte gehen. Ich rieche Bratwürste. Wünsche mir ein Erdinger. Endspurt. Natürlich laufe ich in die Wechselzone ein und sehe Ulrich (glücklich) winken. Hier bin ich!! Endlich am Ziel. 6:30 h, eine Stunde zu spät, aber gefinished.

 

Noch schnell die Übergabe des Transponders und schon schicke ich Ulrich auf die Strecke. Ich bin in Kirchberg, leider nicht am Ziel (100km) denn nur dort gibt es ein Erdinger Alkoholfrei. Die Bratwurst kostet CHF 10,00, habe leider keinen Franken dabei. Ich begnüge mich mit einem Bio Alpenkräutertee, ein paar Brocken Powerbar-Riegel und freue mich auf eine Dusche im Hotel.

 

Wahrscheinlich bin ich kein „Landschaftsläufer“, obwohl ich wieder einen Ultra laufen werde, werde ich bestimmt nicht mehr an den Bieler Lauftagen teilnehmen. Die Faszination Biel hat mich nicht erreicht, die Stimmung war ähnlich (schlecht) wie bei meinem Marathon in Basel. Schade, keine Kuhglocken, kein Alphorn.